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Lichtenauer Straße 55

Das Wohnhaus in Bildmitte vom Stiftsweg aus gesehen 1998

Begibt man sich die Lichtenauer Straße dorfabwärts, vorbei an Stiftsweg und Friedhof, so endet diese nach einem plötzlichen Linksknick als Sackgasse. An dieser Stelle linker Hand befand sich das hier beschriebene Anwesen.

Im Jahr 2012 wurde das ehemalige Wohnhaus auf diesem Grundstück abgerissen und gegenwärtig entsteht an dessen Örtlichkeit ein neuer Bau. Das abgebrochene Gebäude war 1876 an Stelle des zuvor abgebrannten Wohnhauses erbaut worden und bot mit seiner schmucklosen, wohl immer auch unverputzten Ziegelsteinfassade, unter einfachem Satteldach, keinen besonderen Anblick.

Indes hat das Grundstück wegen seiner älterer Bebauung eine nicht uninteressante Vorgeschichte. Erste Bauten waren hier zwischen 1762 und 1786 entstanden. Von den Nebengebäuden war das nördlich gelegene um 1911 an Stelle eines Vorgängerbaues errichtet, der in der Zeit von 1789 bis 1901 nachweisbar ist. Das links davon befindliche nordwestliche Nebengebäude ist irgendwann in der Zeit nach 1945 verschwunden und war wohl ebenfalls bereits vor 1789 vorhanden. Ein drittes Nebengebäude befand sich westlich des zuletzt weggerissenen Wohnhauses und ist für die Zeit von 1789 bis 1880 nachweisbar. Vor 1883 mag eines dieser drei Nebengebäude auch als Wohnhaus gedient haben, die anderen als Stall und Scheune.

Das Grundstück mit dem Wohnhaus (rot). Lageplan von 1919

Das etwa 2850 qm große Grundstück selbst ist ein schmaler Streifen, der sich oberhalb und unterhalb der Gebäude erstreckte und auch einen kleinen, vom Abfluss des Friedhofsteiches genährten Teich einschloss. Heute ist es in dem dorfseitigen Anteil mit einem Wohnhaus und Garagen bebaut, das Teichlein verschwunden. Das Gelände war Teilstück von einem der vier alten Viehwege der Gemeinde. Diese waren schmale Landstreifen, welche von der Ortsmitte zur Flurgrenze verliefen, und zwar je einmal dem Dorfbach entlang auf- und abwärts sowie folgend der Rußbuttengasse in Richtung Kinderwaldschänke und entlang der Braunsdorfer Straße in Richtung Naturbad Niederwiesa. Der Gemeindehirt trieb hier das Vieh der Bauern und Gärtner zum abweiden auf diese Flächen. In Notzeiten kam es vor, dass die Kommune solche Grundstücke veräußern musste. Und so war es in Ebersdorf während des Siebenjährigen Krieges (1756 bis 1763) infolge der Craußischen Kontribution dazu gekommen, dass sich die Gemeinde beim Einwohner Michael Uhlich derart verschuldet hatte, dass sie, um diese Verbindlichkeit zu tilgen, dieses und andere ihr gehörige Grundstücke veräußern musste. Dabei behielt sich aber die Gemeinde für den Fall des Weiterverkaufes das Vorkaufsrecht.

 

Besitzerfolge  

 

1762 für das Grundstück Christian Grünert; um 1785/86 Christian Grünerts und dessen Eheweibes Erbvertrag, auch Gerade- und Heergerätskauf; 1786 kauft der Ebersdorfer Bauer Johann Gottlieb Kluge das Hirtenhaus (gemeint ist hier aber Mittweidaer Straße 89) nebst dem Viehweggrundstück mit dem darauf erhobenen Gebäuden an Haus und Scheune (Lichtenauer Straße 55) von Tischlermeister Christian Grünert. Dem Verkäufer und dessen Eheweib gewährt er zum Auszug freie Herberge auf Lebenszeit im Hirtenhaus. Außerdem sät er Lein und pflanzt Erdäpfel für sie; 1786 übernimmt es Johann Michael Kluge von seinem Vater Johann Gottlieb, nämlich den Gemeindeviehweg an einem Wohnhaus, Scheune und Nebengebäude, Garten, Feldern, Wiesen und Holzungen (jetzt aber ohne Hirtenhaus!); 1832 Johann Gottlieb Graf (*1772) kauft Johann Michael Klugens, jetzt Begüterter zu Glösa, Haus zu Ebersdorf; 1836 und 1841 Johann Gottlieb Graf; 1848 kauft Johann Gottlieb Lorenz aus Schloßchemnitz des nun in Neukirchen wohnenden Johann Gottlieb Grafs Viehwegsgrundstück; 1932 (wohl seit 1912) ist die Stadt Chemnitz Hausbesitzer. Im Erdgeschoss wohnt der Eisenhobler Richard Kempe, im 1. Obergeschoss Enge, Riedel und Wiedemann, darüber R. Hahn; Familie Kempe bewohnte dann bis in die 1990er Jahre das Anwesen.

 

Anmerkungen

 

Die Besitzer Kluge und Graf entstammten alteingesessenen Ebersdorfer Bauernfamilien. Die Kluges, deren Stammtafel bis Anfang des 16. Jahrhunderts zurück reicht, kamen aus Bernsdorf (heute Stadtteil von Flöha) und bekleideten bis in das 18. Jahrhundert hohe Ämter in der staatlichen Forstwirtschaft des Kurfürstentums Sachsen. Im Jahr 1592 wurde der Förster Hans Kluge d. Ä. (*1559 zu Bernsdorf, 1645 zu Ebersdorf) in Ebersdorf ansässig. Von ihm stammen die meisten Ebersdorfer Kluges ab. – Die noch heute in Ebersdorf ansässige Familie Graf stammt ursprünglich aus Furth (heute Stadtteil von Chemnitz), wo Matthes Graf noch bis etwa 1637 ein Bauerngut besaß. Andreas Graf, ebenfalls aus Furth, hatte bereits 1592 ein Gut an der oberen Lichtenauer Straße erworben und starb 1596. Sein Sohn Barthel war dann Häusler in Ebersdorf und ein anderer Andreas Graf übte um 1631 das Bäckerhandwerk in Ebersdorf an der Kirche aus. Der Familienname wurde damals auch Grob, Grobe, Grabt, Graffe geschrieben. Ab 1689 besaßen sie das Freigut Ortelsdorfer Straße 33 und andere Güter im Ort.